Die demographische Entwicklung mit einer erheblichen Zunahme alter und sehr alter Menschen sowie die Erweiterung des Wissens über psychische Erkrankungen im Alter haben in den letzten Jahrzehnten zur Herausbildung eines eigenen Schwerpunktes innerhalb der Psychiatrie geführt: der Gerontopsychiatrie.
„Die demographische Entwicklung mit erheblicher Zunahme alter und sehr alter Menschen … hat zur Herausbildung eines alterspsychiatrischen Schwerpunktes innerhalb der Psychiatrie geführt.“
(Deutsches Zentrum für Altersfragen, 2001)
Bei der psychotherapeutischen Behandlung älterer Menschen sind zahlreiche Besonderheiten zu berücksichtigen, um eine Therapie erfolgreich gestalten zu können. Im Folgenden werden sowohl der Versorgungsbedarf als auch konkrete Ansätze für eine alterspsychotherapeutische Praxis dargestellt.
Der gerontopsychiatrische und psychotherapeutische Versorgungsbedarf
Situation laut Altenbericht der Bundesregierung
Der Dritte Altenbericht der Bundesregierung (2001) sowie zahlreiche epidemiologische Studien zeigen einen deutlich steigenden Bedarf an geriatrischer und gerontopsychiatrischer Versorgung.
Die Häufigkeit psychischer Störungen bei Menschen über 65 Jahren liegt bei über 25 % (Helmchen et al. 1999).
Typische Prävalenzraten:
- Demenzen: 10–14 %
- Depressionen: 10–25 %
- Angststörungen: 5–10 %
- Alkoholmissbrauch / Abhängigkeit: 3–20 %
Auch der Anteil hilfs- und pflegebedürftiger Menschen steigt deutlich:
- 2,5 % im Alter von 65–70 Jahren
- 28 % im Alter über 85 Jahren
(Lehr 1998)
Versorgungslücken in der Praxis
Eigene Untersuchungen im Bereich Suchtmittelmissbrauch bei älteren Menschen zeigen mehrere zentrale Probleme:
- unzureichende Behandlungsangebote
- Angst vor psychiatrischen Einrichtungen
- mangelndes gerontologisches Fachwissen
Diese Faktoren verhindern häufig eine frühzeitige und kostengünstige Behandlung. Die Folge sind chronische Krankheitsverläufe und eine unzureichende Versorgung.
Kritik am bestehenden Gesundheitssystem
Der Altenbericht bemängelt insbesondere:
- zu geringe Ausrichtung der Medizin auf altersspezifische Erkrankungen
- unzureichende Umsetzung von Geriatrie, Gerontopsychiatrie und Alterspsychotherapie
- mangelnde Kooperation zwischen Versorgungssystemen
Gefordert wird ein Paradigmenwechsel:
Von der Krankheits- zur Gesundheitsorientierung
Wichtige Ziele sind:
- stärkere Prävention
- bessere Rehabilitation
- höhere Pflegequalität
- stärkere Berücksichtigung psychischer Erkrankungen im Pflegebedarf
Psychotherapeutische Versorgung älterer Menschen
Unterrepräsentation älterer Patienten
Ältere Menschen sind in der Psychotherapie deutlich unterrepräsentiert.
Studien zeigen:
- nur 0,6 % der Patienten über 60 Jahre in psychoanalytischer oder verhaltenstherapeutischer Psychotherapie (Fichter 1990)
- 0,2 % in einer Stichprobe von 1344 Verhaltenstherapie-Anträgen (Linden et al. 1993)
Gleichzeitig schätzen Hausärzte den Anteil psychisch erkrankter älterer Patienten auf:
- 15 % (Internisten)
- 20 % (Allgemeinmediziner)
Dies zeigt eine deutliche Diskrepanz zwischen Bedarf und Versorgung.
Früherkennung wichtiger Erkrankungen
Demenz
Eine frühzeitige Diagnose ist entscheidend, da die senile Demenz vom Alzheimer-Typ therapeutisch umso besser beeinflussbar ist, je früher sie erkannt wird.
Notwendig sind:
- verbesserte neuropsychologische Diagnostik
- stärkere Kooperation zwischen Fachzentren und Hausärzten
- mehr ambulante Behandlungsangebote
Über 80 % der älteren Menschen befinden sich ausschließlich in hausärztlicher Behandlung.
Depression im Alter
Studien zeigen, dass nur etwa 10 % der Betroffenen korrekt diagnostiziert und behandelt werden.
Dabei haben psychogene Störungen im Alter eine wesentlich größere Bedeutung als häufig angenommen.
Entwicklungsbedarf der Alterspsychotherapie
Die psychosomatische und psychotherapeutische Versorgung älterer Menschen gilt weiterhin als Entwicklungsbereich.
Es fehlen häufig:
- spezialisierte stationäre Einrichtungen
- ambulante gerontopsychiatrische Angebote
- interdisziplinäre Versorgungsstrukturen
Notwendig wären insbesondere:
- gerontopsychologische Schwerpunktpraxen
- bessere Vernetzung mit Hausärzten und Fachärzten
- Kooperation mit Einrichtungen der Altenhilfe
Dies könnte langfristig ein Kompetenznetzwerk für Alterspsychotherapie schaffen.
Behandlungsschwerpunkt Alterspsychotherapie
Grundgedanke
Der Bedarf ist vorhanden – dennoch fordern ältere Patienten psychotherapeutische Hilfe bislang selten aktiv ein, und viele Ärzte denken noch zu wenig an diese Behandlungsoption.
Eine gerontopsychologische Praxis sollte daher:
- indikationsgeleitete psychodiagnostische Abklärung
- spezialisierte psychotherapeutische Behandlung
- besondere Berücksichtigung altersspezifischer Lebenssituationen
anbieten.
Die Indikation sollte sich nicht nur am Lebensalter orientieren, sondern auch an typischen Belastungen wie:
- Berentung
- Verlust von Partnern
- chronische Erkrankungen
- soziale Isolation
Praxisgestaltung für ältere Patienten
Bei der Planung einer alterspsychotherapeutischen Praxis sollten verschiedene Faktoren berücksichtigt werden:
Gute Erreichbarkeit
- Anbindung an öffentliche Verkehrsmittel
- Nähe zu Hausärzten und Fachärzten
- barrierefreier Zugang
Kooperation
Wichtige Partner:
- Allgemeinmediziner
- Fachärzte
- Einrichtungen der Altenhilfe
- gerontopsychiatrische Zentren
Mobile Behandlung
Da viele ältere Patienten eingeschränkt mobil sind, wären abrechenbare Hausbesuche ein wichtiger Bestandteil einer modernen Versorgung.
Beitrag zur Prävention und Beratung
Neben der Patientenbehandlung kann eine Praxis auch einen Beitrag leisten durch:
- Beratung von Angehörigen
- Supervision von Pflegepersonal
- Kooperation mit Pflegeeinrichtungen
- Aufklärung und Prävention
Literatur (Auswahl)
- Deutsches Zentrum für Altersfragen (2001): Gerontopsychiatrie und Alterspsychotherapie in Deutschland.
- Helmchen, H. et al. (1999): Psychiatric Illnesses in Old Age.
- Lehr, U. (1998): Family Care and its Limitations.
- Fichter, M.M. (1990): Verlauf psychischer Erkrankungen in der Bevölkerung.
- Linden, M. et al. (1993): Verhaltenstherapie in der kassenärztlichen Versorgung.
- Wolter-Henseler, D.K. (1996): Gerontopsychiatrie in der Gemeinde.